St. Aegidius-Kirche

St. Aegidius-Kirche – eine Dorfkirche im Markgrafenstil

KircheKerwa

Die St. Aegidius-Kirche wurde vermutlich bereits um 900 n. Chr. durch das Bistum Würzburg gegründet, mit Sicherheit aber gibt es unsere Kirche seit 1007.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie dreimal zerstört und dreimal von ihrer Gemeinde wieder aufgebaut: beim Einfall der Hussiten 1430, im Bundeständischen Krieg am 14.7.1553 und dann am 15.3.1634 durch die Soldaten des Herzogs von Weimar .Beim zweiten Wiederaufbau wurde aus der gotischen Wehrkirche eine spätgotische Saalkirche mit spitz zulaufenden Fenstern. Beim genauen Hinschauen kann man noch Zeugnisse dieser Vorgängerbauten finden.

 Aus der romanischen Zeit zwei Kapitelle,

Kapitel1Kapitel2

aus der Zeit als Wehrkirche die Schießscharten des Turms

Schießscharte

und aus der gotischen Zeit die Außenfenster.

gotische Fenster

Von besonderer Bedeutung sind die Ergänzungen im 17. und 18. Jahrhundert, die aus der einfachen Dorfkirche eine Kirche im Markgrafenstil machten. Der Ausbau zu einer „Markgrafenkirche“ erfolgte in zwei Schritten:

1.Phase:

Kanzelaltar

Der Retabelkanzelaltar ist in dörflichen Barock durch den Schreiner Andreas Dittel aus Melkendorf 1691 angefertigt worden. Auftraggeber war die Kirchengemeinde mit ihrem Pfarrer Philipp Friedrich Rößler (1678-1702). Zusammen mit der im höfischen Barock gestalteten Stuckdecke von 1731 sieht man hier ein Stilelement der Markgrafenkirchen, nämlich das ineinander Verwobensein von Volkskunst und Hofkunst.

Bemerkenswert ist am Kanzelaltar, dass die Melkendorfer Landbevölkerung mit ihrem Pfarrer die Idee hinter den Bauten der Markgrafenkirchen   a) kannte und verstand   und b) sie ganz bewusst übernahm und sie zu der ihren machte. Und dies angesichts der erlebten Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Zwar lag er bereits eineinhalb Generationen zurück und die notwendigsten Aufbauarbeiten waren erledigt, doch die Traumata waren stillschweigend an die nächste und übernächste Generation weitergegeben worden

Gedaechtnisstein

 

Gedächtnisstein für die 1632 ermordeten 150 Bauern

 

 

 

Das Konzept der Markgrafenkirchen sollte haltgebend ein Gegengewicht und ein Gegenkonzept zu den Ängsten, Nöten und Verunsicherungen des Lebens sein. Der damalige Mensch stand zwischen dem Absolutheitsanspruch des absolutistisch eingestellten Herrschers und dem Absolutheitsanspruch des aufgeklärten Verstandes.

Jesus

Ganz bewusst fehlt am Kanzelaltar das Kreuz. Der Tod Jesu Christi kann vom aufgeklärten Verstand als Bestätigung aufgefasst werden, dass Jesus Christus zwar ein guten und vorbildlicher Mann gewesen sein mag, aber letztendlich ist er doch in seinen Bemühungen gescheitert. Aber sein Tod ist nicht das Ende; seine Auferstehung ist das sichtbare Zeichen für den Anfang des beginnenden Reiches Gottes. Und darum steht nicht der Gekreuzigte, sondern der „salvator mundi“ im Mittelpunkt des Kanzelaltars. Die Aufklärung sagt: Die reine Vernunft bringt Licht in das Dunkel der Welt. Und Jesus Christus sagt:“Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“(Joh.8,12).

 Jesus Christus ist das fleischgewordene Wort Gottes, bezeugt wird dies von den Aposteln, die das Wort mündlich in die Welt hinaustrugen und bezeugt wird dies durch die Evangelisten Petrus und Paulus.

apo1  apo2

Von der Kanzel wird das Wort Gottes in die Gegenwart hinein verdeutlicht. Der ganze Kanzelaltar ist ein Hymnus an das Wort Gottes und auch dies ist ein Kennzeichen der Markgrafenkirchen. Im Kirchengebäude hört und sieht man das Wort Gottes, das in die Tat umgesetzt werden will.

Dafür stehen Maria und Martha: Hören zur rechten Zeit und Tun zur rechten Zeit. Solch gegensätzliche und doch aufeinander bezogenen Figuren sind ein weiteres Element von Markgrafenkirchen.

Frau1  Frau2

Die neue Gleichwertigkeit von Wort und Sakrament wurde dadurch zum Ausdruck gebracht, dass der Taufstein in die direkte Nähe des Kanzelaltars gerückt wurde. Und wie bei allen älteren Kanzelaltären wurde das Abendmahl als zweites Sakrament in der Predella dargestellt.

Abendmahl

Mit dem Beichtstuhl rechts vom Kanzelaltar besitzt die St. Aegidius-Kirche einen von noch drei im Dekanat Kulmbach erhaltenen evangelischen Beichtstühlen (1698).

Beichtstuhl

Taufstein, Kanzelaltar und Beichtstuhl zeigen sichtbar den Lebensweg eines Christen.

2.Phase:
40 Jahre (1731) später wurde die ganze Kirche erhöht und das Tonnengewölbe durch eine Stuckdecke ersetzt. Wie seit der Romanik üblich wurde der Himmel dargestellt, das Ziel des irdischen Lebens, aber hier im abstrakten, protestantischen Barock gehalten.

Decke

Die hohen Fenster bringen mehr Licht in die Kirche und dies will ganz bewusst auch im übertragenen Sinn verstanden werden. Die Emporen wurden eingezogen, damit jeder sitzend in Ruhe das Wort Gottes hören und bedenken konnte.

Empore

Die Melkendorfer St. Aegidius-Kirche ist keine lichtdurchflutete Festsaalkirche wie die neugebauten Markgrafenkirchen, aber in ihrer barocken Schlichtheit kann sie ganz klar das Anliegen der Markgrafenkirchen vermitteln: Im Lichte des Verstandes und im Lichte des Wort Gottes den Zeitgeist prüfen und dann möglichst den Weg des Glaubens bis ins Himmelreich hinein beschreiten.

dreieinigkeit

Bildausschnitt von der Stuckdecke (Dreieinigkeitssymbol)

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.
(7. Strophe vom Kirchenbuchlied 369: “Sing, bet‘ und geh auf Gottes Wegen“)

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