Vor 75 Jahren: Menschwerdung in unmenschlicher Welt

Liebe Leserin, lieber Leser,

StalingradAuf der Rückseite einer Gefechtskarte von Russland zeichnete der deutsche Arzt und Pfarrer Kurt Reuber die Gottesmutter Maria, wie sie dem neugeborenen Jesuskind liebevoll und schützend Geborgenheit schenkt. Zeit und Ort der Entstehung machen dieses Bild zu einem einzigartigen Kunstwerk. Kurt Reuber schuf es vor 75 Jahren – an Weihnachten 1942 – in einem Unterstand im Kessel von Stalingrad. Das geht aus der Umschrift der Dar-stellung hervor, in der es heißt: „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“.


Der 1906 in Kassel geborene Kurt Reuber war Arzt, evangelischer Pfarrer und bildender Künstler. 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und nahm an der Schlacht von Stalingrad teil. Dort wurden die deutschen Soldaten ab Mitte November 1942 von sowjeti- schen Truppen eingekesselt; zwei Tage bevor die Abriegelung vollständig war, kehrte Kurt Reuber aus dem Heimat- urlaub an die Front zurück. Zum Trost und zur Hoffnung der unter Hunger und Kälte leidenden Kameraden zeichnete er für das Weihnachtsfest 1942 die Stalingradmadonna. Mitten hinein in die Hölle die Weihnachtsbotschaft. Mitten hinein in die Dunkelheit des todbringenden Krieges Licht, Leben und Liebe. „Die Worte werden zum Symbol einer Sehnsucht nach allem, was äußerlich so wenig da ist und was am Ende nur in unserem Innersten geboren werden kann“, schrieb Kurt Reuber an seine Familie. Mit dem letzten Flugzeug, das den Kessel verlassen konnte, wurde die Stalingradmadonna nach Deutschland ausgeflogen. Im Januar 1943 geriet Kurt Reuber in sowjetische Gefangenschaft und kam ins Kriegsgefangenenlager von Jelabuga. Dort zeichnete er Weihnachten 1943 die „Gefangenenmadonna“, die von einem entlassenen Soldaten 1946 der Familie überreicht werden konnte. Kurt Reuber selbst verstarb am 21. April 1944 in Jelabuga an Typhus.
In einem Brief an seine Frau schreibt Kurt Reuber, was ihm die Stalingradmadonna bedeutete: „Schau in dem Kind das Erstgeborene einer neuen Menschheit an, das unter Schmerzen geboren, alle Dunkelheit und Traurigkeit überstrahlt. Es sei uns ein Sinnbild sieghaften zukunftsfrohen Lebens, das wir nach aller Todeserfahrung umso heißer und echter lieben wollen, ein Leben, das nur lebenswert ist, wenn es lichtstrahlend rein und liebeswarm ist.“

Ich wünsche Ihnen ein friedvolles Weihnachtsfest und Gottes Segen im Jahr 2018.
Ihr Pfarrer Klaus Spyra